Zwischen Wut und Gelassenheit
04.02.2012 - FRANKFURT/MAINZ
Von Ralf Heidenreich
FLUGLÄRM Firmen reagieren unterschiedlich auf Belastungen / Kammern mahnen Fraport zu Kompromissen
Rainer Schmidt ist sauer. Wenn der Chef der Mainzer HWS Labortechnik „aus dem Fenster die minütlich vorbeiheulenden Flugzeuge“ sieht, bekommt er „eine große Wut“. Seine Mitarbeiter seien oft gestresst, „weil sie nicht genug Schlaf hatten“. Auch registriert er im Betrieb eine „auffällige Häufung von Unfällen wie Verbrennungen und Quetschungen“, jedoch könne er nicht beweisen, dass dies ursächlich auf den Schlafmangel zurückzuführen sei. „Und leider kann ich meine Fabrik, die sich seit 60 Jahren in Mainz befindet, nicht so leicht verlegen wie Politiker ihre Wohnung.“ Der Unternehmer bestätigt damit Beobachtungen der IHK für Rheinhessen, wonach zunehmend Firmen über Fluglärm-Belastungen klagen (wir berichteten). Es gibt aber auch andere Reaktionen.
Beispiel Integrated Dynamics Engineering (IDE), ein Hersteller von Anlagen zur Chip-Produktion mit über 100 Beschäftigten, der seinen Sitz in Raunheim hat - also dort, wo der Fluglärm mit am größten ist. „Im Sommer, wenn wir die Fenster aufmachen, nervt das schon, aber die Mitarbeiter empfinden es nicht als besondere Belastung“, sagt Geschäftsführer Thomas Breser. Ist es tatsächlich „kein Problem“, oder haben sich die Mitarbeiter über die Jahre an den täglichen Lärm „gewöhnt“, sich damit abgefunden?
Bei Großunternehmen ist der Fluglärm ebenfalls ein Thema, aber, auch mit Blick auf die große Bedeutung des Airports für den Standort Rhein-Main, sprechen sie in der Regel nicht direkt von Belastungen für die Mitarbeiter. Beispiel Opel in Rüsselsheim. „Insgesamt ist die Zunahme des Fluglärms ein Thema, das unter den Mitarbeitern für viel Gesprächsstoff sorgt, denn ein Großteil unserer rund 14 000 Beschäftigten am Standort kommt aus einem Einzugsgebiet, das immer stärker vom Lärm betroffen ist“, so ein Sprecher.
Auch die Kammern der Region betonen die große Bedeutung des Flughafens als Wirtschaftsfaktor. Allerdings bereitet ihnen die steigende Lärmbelastung Sorge. So sind bei der IHK Wiesbaden zwar noch keine Beschwerden eingegangen wie bei der rheinhessischen IHK. Gleichwohl verweist Sprecher Gordon Bonnet ausdrücklich auf die Lebensqualität, die ebenfalls ein wichtiger Standortfaktor sei. „Die Lärmbelastung ist für die Menschen zu hoch. Es müssen alle möglichen Maßnahmen ergriffen werden, um die Belastung zu verringern. Dabei dürfen Kosten keine Rolle spielen“ so Bonnet, der bei Flugrouten und Anflugverfahren „noch erhebliches Verbesserungspotenzial“ sieht. Auch die Handwerkskammer Rheinhessen appelliert an Fraport, in der Fluglärmfrage mehr Kompromissbereitschaft zu zeigen: „Die Handwerksbetriebe leiden in den Einflugschneisen genauso unter dem Fluglärm wird die übrige Bevölkerung“, sagt Hauptgeschäftsführer Stefan Zimmer. Wohn- und Lebensqualität sei auch für das Handwerk ein wichtiger Faktor, gerade wegen der Nähe zu den Kunden. Zimmer: „Nur ein lebenswertes Rheinhessen ist auch ein arbeitswertes Rheinhessen.“
