Für einen gelasseneren Umgang
06.01.2011 - HEPPENHEIM
Von Michael Kochendörfer
UNTERRICHTSMATERIAL Medienbox für Schulen zur „Verfolgung der Sinti und Roma“ aufgelegt und vorgestellt
Die letzte große Verfolgungswelle erlebte das Volk der „Sinti und Roma“ unter den Nationalsozialisten. Begründet wurde diese mit Ausarbeitungen von Wissenschaftlern, die ihr „antiziganistisches Gedankengut“ unreflektiert noch weit bis in die 1960er und 1970er Jahre verbreiten durften. Es bedurfte erst der Öffentlichkeitsarbeit der Sinti und Roma, bis nicht nur über diese berichtet, sondern auch mit ihnen gesprochen wurde.
In diesem kurzen Abriss der jüngeren Geschichte ist auch eine neue Offensive des „Hessischen Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma“ zu sehen. Unterstützt werden sie bei diesem Gemeinschaftsprojekt von den vier südhessischen Landkreisen Bergstraße, Odenwaldkreis, Darmstadt-Dieburg und Groß-Gerau. Jetzt wurde mit Landrat Matthias Wilkes das Projekt „Medienkoffer für Schulen - Verfolgung der Sinti und Roma und Antiziganismus“ im Landratsamt vorgestellt.
Dabei waren Rinaldo Strauß und Josef Behringer vom Landesverband Deutscher Sinti und Roma, der Autor des multimedial aufzubereitenden Unterrichtsmaterials, Dr. Udo Engbring-Romang als Historiker und Diplom-Politologe, sowie Brigitte Paddenberg als Ausländerbeauftragte des Kreises.
Sie schickte allerdings ihren Ausführungen voraus, dass das Thema strenggenommen nicht zu ihrem Arbeitsgebiet gehöre, weil es sich bei den hier lebenden Sinti und Roma um deutsche Staatsangehörige handele. Sie sah in den Materialien einen wesentlichen Beitrag zum „gelasseneren Umgang mit Minderheiten und Mehrheiten“, im Umgang mit Vorurteilen und zeigte sich sehr angetan, gerade von den Zeitzeugenberichten.
Landrat Wilkes erkannte das Thema „Sinti und Roma“ als exemplarisch für die Frage „Umgang mit Minderheiten“, gerade im Vielvölkerstaat Europa. Er freute sich, dass bei der Mitfinanzierung der Aktion eine Zusammenarbeit mit den Nachbarschaftskreisen gefunden wurde: „Das gehört als Schulträger nicht zu unseren freiwilligen Leistungen, sondern ist Teil unserer staatspolitischen Aufgabe.“
Mit den Inhalten werde gerade durch die Zeitzeugenberichte auch ein regionaler Bezug hergestellt, der so genannte „human touch“, der Schüler eher ansprechen kann, wenn er erfährt, wie es vor noch wenigen Jahrzehnten Menschen in den Mauern „seiner Stadt“ ergangen ist. Erzählt wird dabei auch - so noch bekannt - die Geschichte eines in Bensheim geborenen Jungen, dessen Leben in Auschwitz endet.
Rinaldo Strauß und Josef Behringer begrüßten die Kooperationsbereitschaft der Landkreise bei der schulischen Aufbereitung des Themas Völkermord, wozu eben auch das Thema „Antiziganismus“ gehört. Sie sprachen von Umfrageergebnissen, wonach das Thema Verfolgung von Minderheiten nur unzureichend oder gar nicht im Unterricht vorkommt.
Landrat Wilkes ergänzte, dass es um Aufklärung und Bildung geht, weniger um Aufbereitung von Vorwürfen. Dem stimmte der Historiker Engbring-Romang zu, der über die Verfolgung in der Nazi-Zeit hinaus auch den Umgang mit Sinti und Roma zu Zeiten absolutistischer Herrschaft ansprach.
Die Medienbox für Schulen zur sachkundigen Vermittlung von Wissen über die Geschichte und Gegenwart nationaler Minderheiten besteht aus Arbeitsblättern und Zeitzeugen-Interviews mit Menschen, die zwischen den Jahren 1918 und 35/36 geboren wurden. Angesprochen sind also Lehrer, aber auch Zeitzeugen, die zu dem Thema einen Beitrag leisten können.
